Partizipative Gesundheitsforschung

Eindrücke von der Tagung der CARN D.A.CH in Linz und der Berliner Werkstatt Partizipative Forschung

Doris Formann, Markus Peböck

Das Seminarkonzept der „Aktionsforschung Linz“ ist partizipativ angelegt. Die partizipative Sozialforschung hat nach Hella von Unger drei große Ansätze:[1]

  1. Die Aktionsforschung nach Kurt Lewin, bei der es vorrangig um Fragestellungen zu Gruppenbeziehungen und Demokratisierungsprozessen geht.
  2. Die Praxisforschung bzw. partizipative Evaluation wird vorrangig im Sozialbereich, den Erziehungswissenschaften und der Psychologie eingesetzt. Dabei werden verschiedene Formen der anwendungsorientierten Forschung bzw. Kooperationen von Fachkräften und WissenschafterInnen umgesetzt.
  3. Die Community-basierte partizipative Forschung, die vorrangig im Gesundheitsbereich stattfindet, verfolgt die Absicht, in und mit Communities die Ursachen von Gesundheitsproblemen zu erforschen und Handlungsstrategien zu entwickeln.

Die Tagung der CARN D.A.CH, des deutschsprachigen Ablegers des Collaborative Action Research Networks, fand am 13. und 14. Jänner 2017 an der Pädagogischen Hochschule in Linz statt. Inhaltlicher Schwerpunkt waren Lesson Studies. Lesson Studies sind eine sehr beliebte Form der partizipativen Arbeit im pädagogischen Setting, eine Form der Unterrichtsentwicklung, bei der die SchülerInnen beobachtet und interviewt werden, um so den Unterricht zu verbessern und weiterzuentwickeln.[2]

Unser Input zur „Aktionsforschung Linz“ beinhaltete unseren theoretischen Zugang sowie unser Seminarkonzept samt der in den letzten sechs Jahren dabei gemachten Erfahrungen. Einerseits waren wir Fremdkörper im doch sehr geschlossenen System des partizipativen Ansatzes im pädagogischen Feld. Andererseits gelang uns mit unserer Präsentation eine Erweiterung des Blickwinkels auf die derzeit erfolgreiche Praxis der partizipativen Forschung im deutschsprachigen Raum am Beispiel der Aktionsforschung Linz.

Die Berliner Werkstatt Partizipative Forschung wurde am 3. März von PartNet, dem Netzwerk Partizipative Gesundheitsforschung, organisiert. Schon der Ablauf dieser Veranstaltung war anders und partizipativ: Kein Hauptvortrag, der zu Beginn im Plenum gehalten wurde, stattdessen stellten sich die TeilnehmerInnen in einer Art „Speed-Dating“ gegenseitig vor, bevor von den Teilnehmenden mitgebrachten Projekte in einer Postersession präsentiert und diskutiert wurden. Frei floatierend bewegten wir uns alle im Raum und fanden Anknüpfungspunkte personeller und inhaltlicher Art.

Für uns waren einige spannende Gesundheitsprojekte zu erkunden, unter anderem „Ich, meine Gesundheit & Marzahn-Hellersdorf“. Es handelt sich dabei um ein Gesundheitsprojekt (im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf) für Menschen, die derzeit arbeitslos sind. Die Menschen haben einen Kalender mit Tipps zu Ernährung und Bewegung und Veranstaltungen produziert, der in allen Bereichen Bezug zum Stadtteil hat.[3]

Nicht das Ergebnis, sondern vor allem die partizipative Entwicklung und das Empowerment stehen dabei im Vordergrund.

In partizipativen (Forschungs-)Prozessen muss Partizipation immer wieder neu hergestellt werden, zu sehr sind Macht und Hierarchie in den Köpfen verankert.

In der Berliner Werkstatt konnten einige Tipps und Hinweise diskutiert werden, wie die Moderation den partizipativen Prozess unterstützen kann:

  • Zu Beginn sollte der Grad der Partizipation festgelegt und transparent gemacht werden.
  • Alle Stimmen werden gehört.
  • Prinzip der Multiperspektivität.
  • Kommunikation auf Augenhöhe (Erfahrungswissen ist gleich bedeutend wie ExpertInnenwissen).
  • Widerstand oder Schweigen ernst nehmen und hinterfragen.
  • Laufend anonymes Feedback ermöglichen.
  • Permanente Selbstreflexion.
  • Laufend über das Prozedere informieren (verschriftlichen, Update Mails etc.).
  • Vertrauensvolle Umgebung herstellen (Zeit lassen, sich kennen zu lernen – es geht nicht ohne Beziehung; Regeln für gegenseitigen Umgang; Frage der AutorInnenschaft zu Beginn klären; was sind Tabu-Themen; Respekt und gegenseitige Wertschätzung; Rahmen geht vor Inhalt).
  • Rolle von Sprache/Terminologie beachten.
  • Wettbewerb des „ich weiß nicht, was das heißt“.
  • Position des Nicht-Wissens (erkenntnistheoretisch ohnehin günstig).
  • Achtung mit Labeling (Etikett für Personen).
  • Co-Produktion sicherstellen (Freiräume zulassen – nicht alle Entscheidungen zu Beginn fällen; Zeit für Reflexion, Pausen ermöglichen etc.).
  • Prozess- versus Ergebnisorientierung (Umgang mit Ambivalenzen, Differenz „auskosten“; Ergebnisoffenheit).

Eine wichtige Methode in der partizipativen Sozialforschung ist Photovoice. Dabei handelt es sich um eine partizipative Methode, bei der Beteiligte Fotos zu einer bestimmten Fragestellung machen und darüber reflektieren („The Heart of Photovoice is the intermingling of Images and Words“[4]).

Photovoice verfolgt drei Ziele:

  1. Die Stärken und Schwächen einer Community aufzeigen,
  2. einen kritischer Dialog mit Wissenschaft schaffen,
  3. politische EntscheidungsträgerInnen erreichen – Veränderungen anstoßen.

Photovoice läuft in sieben Schritten ab:

  1. Planung und Vorbereitung,
  2. Schulung der TeilnehmerInnen (z. B. auch Kreativität anspornen, Ethik, gemeinsame Zielsetzung),
  3. Feldphase,
  4. Diskussion (was ist das Wichtige am Bild, warum wurde das ausgewählt, … – zuerst die Sichtweise der einzelnen Person und anschließend der Gruppe),
  5. Auswertung und Ergebnisse (Festhalten der wichtigsten Ergebnisse, Sortieren der Daten in Kategorien und Themen),
  6. Präsentation und Nutzung (Ausstellung, Video, Theater, …),
  7. Evaluation.

Das IGP hat Photovoice z. B. auch schon gemeinsam mit Menschen mit Beeinträchtigung beim Workshop in einfacher Sprache „Wovon hängt Gesundheit ab“ im Rahmen des IKT-Forums 2015 in Linz verwendet.

Literatur:

Alle Tagungsunterlagen und persönlichen Mitschriften des CARN D.A.CH.-Symposiums am 13. und 14. Jänner 2017 in Linz

Alle Tagungsunterlagen und persönlichen Mitschriften der Werkstatt Partizipative Forschung am 3. März 2017 in Berlin

von Unger, Hella: Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis; Wiesbaden 2014

Palibroda, Beverly; Krieg, Brigette; Murdock, Lisa; Havelock, Joanne: A practical guide to photovoice: Sharing pictures, telling stories and changing communities, Winnipeg 2009

Holzinger, Andrea; Kopp-Sixt, Silvia: Lesson Studies. Fachbezogene Unterrichtsentwicklung unter Berücksichtigung des Berufseinstiegs. Präasentation anlässlich des CARN D.A.CH.-Symposiums am 13. und 14. Jänner 2017 in Linz

Anmerkungen:

[1] von Unger 2014, S. 13ff

[2] Holzinger/Sixt 2017: S. 4

[3] https://www.gratis-in-berlin.de/leute-treffen/item/2025232-ich-meine-gesundheit-marzahn-hellersdorf

[4] Palibroda/Krieg/Murdock/Havelock 2009, S. 8

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