Zur Praxis der Veränderung: Variationen der Aktionsforschung im Feld

Andrea Tippe

Aktionsforschung schließt eine unüberwindbar scheinende Kluft zwischen Forschen und Verändern, Theorie und Praxis, sozialen „AkteurInnen“ und „ForscherInnen“. Der Aktionsforschungsansatz nach Kurt Lewin bietet für diese partizipative Praxis mehr denn je eine brauchbare Grundlage. Sein Leitsatz „Betroffene zu Beteiligten machen“ ermöglichte einen Paradigmenwechsel in vielen (Wissenschafts-)Bereichen, insbesondere für die Rollengestaltung der Forschenden/Beratenden selbst, die dadurch teilnehmende PartnerInnen im Prozess wurden (Tippe 2015, S. 13).

Wer forscht?

Die doppelten Zielsetzung der Aktionsforschung, „Forschung“ und „Veränderung“, hat methodische Kritik, aber auch immer wieder Weiterentwicklungen des Ansatzes hervorgebracht. Welche Fragestellungen und Forschungsmethoden sind in dieser Form der Zusammenarbeit angemessen umsetzbar?

Die im deutschsprachigen Raum verwendete Definition von Aktionsforschung beruft sich durchgängig auf die Arbeiten Kurt Lewins (Unger 2014, S. 10f.): „Aktionsforschung (engl. action research): This and similar experiences have convinced me that we should consider action, research and training as a triangle that should be kept together for the sake of any of its corners“ (Lewin 1946c3, S. 211). Die vergleichende Forschung von Bedingungen und Wirkungen sozialen Handelns soll eine zu sozialem Handeln führende Forschung sein.“ (Antons/Stützle-Hebel 2015, S. 333). In dieser Definition ist das Dreieck: Aktion-Forschung-Training untrennbar miteinander verbunden. Und Lewins Aktionsforschung macht vor allen Dingen Forscher/Forscherinnen zu beteiligten Lernenden: sie forschen und sie lassen sich beforschen, sie sind in der sozialen Interaktion als Person und Gruppierung aktiv. Daraus ergibt sich eine spezifische Form der Kooperation und der Funktionsverständnisse in den Aktionsforschungssettings.

Als zentrale Prinzipien der Aktionsforschung gelten deshalb:

  • die Mitbeteiligung der Betroffenen,
  • damit die Einbeziehung der Beforschten in den Prozess,
  • aus „wissenschaftlichen“ ForscherInnen werden teilnehmende AkteurInnen/BeobachterInnen,
  • die sich auch selbst einer Veränderung unterziehen,
  • die Situationsbezogenheit im Hier-und-Jetzt,
  • die Entwicklung von Forschungsinstrumenten aus der Situation,
  • Umgestaltung und Veränderung der beforschten Situation,
  • und Interdisziplinarität. (Bolen 2004, Rechtien 2007)

Der Partizipationsgrad beim Forschen…

Innerhalb der Debatte um action research bilden sich seit Lewin in unterschiedlichen Disziplinen und Feldern partizipative Ansätze für Forschen, Lernen und Verändern aus. Lewin hat einen Paradigmenwechsel initiiert, der zu einer Vielzahl von Definitionen, Methoden und Selbstverständnissen führte. Die Teilnahme von Betroffenen am Forschungsprozess ist eines der gemeinsamen Prinzipien der Aktionsforschung. Zu unterscheiden ist jedoch bei den Ausdifferenzierungen der Grad der Partizipation, dabei fehlt es häufig an Systematik. Verwendet werden sowohl „frühe Formen der Beteiligung“, in dem Betroffene durch unterschiedlichste Wissensformen in Beziehung zueinander gesetzt werden und ihr Wissen einbringen, bis zu der Forderung, dass die TeilnehmerInnen selbst den Prozess und Instrumentarien steuern und die Ergebnisse formulieren.

In der Erziehungswissenschaft, Psychologie und Sozialen Arbeit wurde beispielsweise mit „Praxisforschung“ ein neuer Begriff gefunden, der sowohl in der Tradition der Aktionsforschung steht als sich auch von ihr abgrenzt. Heinz Moser, in den 1970er Jahren ein kritischer Vertreter der Aktionsforschung, bezieht sich auf die Systemtheorie Luhmanns, und betrachtet Wissenschafts- und Praxissystem als zunächst getrennte Systeme. Die Distanz der Systeme jedoch soll nicht aufgehoben werden, sondern „gegenseitige Anschlüsse“ und Kooperationen sollen ermöglicht und gefunden werden, wobei Unterschiede und Grenzen bewusst gehalten sind. Unter dem Dach der Praxisforschung werden a) Praxisuntersuchungen, b) Evaluationsstudien, c) Aktionsforschungen durchgeführt. (Unger/Block/Wright 2007, S. 23 ff)

Im Feld der Supervision bieten Aktionsforschungsansätze einen Standard, denn „es ist ein deklariertes Ziel von Supervision und Coaching […], die Qualität des professionellen Handelns zu sichern und weiter zu entwickeln“ (Krall 2008, S. 19). Verschiedene Konzepte der Praxisberatung haben mit dem Konzept der „Supervision als Medium kommunikativer Sozialforschung“ an Traditionen der Aktionsforschung versucht anzuknüpfen. Kornelia Rappe-Giesecke verbindet die Grenze der Supervisionsarbeit zur Organisationsentwicklung durch die Methode der Institutionsanalyse (mit dem zyklischen Prozess von Datensammlung, Datenfeedback und Untersuchung der Daten durch das Klientensystem) in einer kooperativen Struktur (Rappe-Giesecke 2009, S. 116 ff).

….und Verändern: das Potenzial beruht auf Beziehungsarbeit

Was bedeuten diese unterschiedlichen Vorgehensweisen für beratende und begleitende Arbeit und wie kann man partizipatives Forschen und Verändern nach Lewin lernen? Dieses Feld lässt sich in Gruppen erfahrbar machen, ohne Rollenspiel und ohne Übungen, im Wechsel von Aktion und Reflexion, durch Verlangsamung der Gruppenprozesse, in der der Fokus auf das gesamte Gruppengeschehen gelegt wird, das die/den Forscher/Forscherin/Lehrenden/Supervisorin/Supervisor uam. als Beteiligten erkennt, und in dem ein Vokabular verwendet wird, das sich selbst entwickelt.

Das Potenzial für Veränderungen liegt in der konkreten Begegnung. Dazu braucht es einen differenzierten Umgang mit Verschiedenheiten.

Weiterführende Links zu Forschen und Verändern:

Wir versuchen im Rahmen der Aktionsforschung Linz immer wieder durch Reflexionen und Diskussion, praktische Anwendungen für Forschen und Verändern zu finden und ein Vokabular daraus zu formulieren. Damit sind wir noch lange nicht am Ende, 2017/2018 starten wir unsere Forschungswerkstätte wieder und freuen uns auf weitere Entwicklungen!

  • Zugehörigkeit: Im Feld der Inklusion // Welt ordnen-Menschen begegnen (Christina Spaller) http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/266/252
  • Beratung: Im Feld der Supervision // Aktionsforschung: der Wille zur Einflussnahme (Andrea Tippe) ÖVS news Ausgabe 1/2017 http://www.oevs.or.at

Literatur:

  • Antons, Klaus / Stützle-Hebel, Monika (2015): Feldkräfte im Hier und Jetzt. Antworten von Lewins Feldtheorie auf aktuelle Fragestellungen in Führung, Beratung und Therapie. Heidelberg, Carl-Auer Verlag
  • Bolen, Inge ( 2004): Gruppendynamik. In: Hochgerner, Markus /Hoffmann-Widhalm Herta / Nausner, Liselotte /Wildberger, Elisabeth(Hg.)(2004): Gestalttherapie. Wien, Facultas
  • Krall, Hannes / Mikula, Erika / Jansche, Wolfgang (2008): Supervision und Coaching. Praxisforschung und Beratung im Sozial- und Bildungsbereich. Wiesbaden, VS Verlag
  • Rappe-Giesecke, Kornelia (2009): Supervision für Gruppen und Teams. 4. Auflage. Wiesbaden, Springer VS – Rechtien, Wolfgang (1995): Angewandte Gruppendynamik: ein Lehrbuch für Studierende und Praktiker. München, Quintessenz
  • Tippe, Andrea (2015): Aktionsforschung und Gruppendynamik. Grundlagen des partizipativen Forschens, Veränderns und Lernens. In: Brigitte Daumen (Hg.)(2015): Organisationsformen der Arbeit. Wien, ÖGB Verlag
  • Unger, Hella von/ Block, Martina / Wright, Michael T. (2007): Aktionsforschung im deutschsprachigen Raum. Zur Geschichte und Aktualität eines kontroversiellen Ansatzes aus Public Health Sicht. Berlin, Forschungsgruppe Public Health.
  • Unger, Hella von  (2014): Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden, Springer VS
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Über thomas kreiml

Soziologe und Gewerkschafter in der GPA-djp Bildungsabteilung | Arbeitsbereiche: Gewerkschaftliche Bildungsarbeit, Bildungspolitik, Netzpolitik (Internet/Social Media) | about.me/kreimlink
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