Aktionsforschung und qualitative Forschungsdesigns

Wie wird mit Aktionsforschung Erkenntnis erarbeitet und zugänglich? Wie ist die Aktionsforschung in das wissenschaftstheoretische Spektrum und qualitative Forschungsdesigns eingebettet?

Für Kurt Lewin war Aktionsforschung schlichtweg Forschung, die PraktikerInnen helfen kann, konkrete gesellschaftliche Verhältnisse zu verbessern (vgl. Lewin 1946). Traditionelle wissenschaftliche Forschung war in der Lage, abstrakte Gesetze des Gruppenlebens und sozialer Beziehungen zu klären und dazu entsprechende Konzepte und Begriffe zu entwickeln. Dieser Typus von Forschung kann allgemeine Orientierungen für soziale und politische Arbeit zur Verfügung stellen, lässt aber Behörden oder SozialarbeiterInnen im Hinblick auf konkrete Handlungsprobleme in dem Gefühl zurück, im Nebel zu stehen. Für die Praxis erforderliche Forschung müsse Erforschung von sozialen Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns leisten, müsse Forschung sein, die zu sozialem Handeln führt. Es herrsche ein Mangel an Forschung, aus dem PraktikerInnen lernen und das eigene Handeln verbessern können.

Etwas allgemeiner formuliert lässt sich das Problem etwa so beschreiben: In den Sozialwissenschaften kann sich der Versuch, eine Situation, soziale Handlungen oder gesellschaftliche Prozesse empirisch zu erklären, nicht damit begnügen, Auskunft darüber zu geben, welche Regelmäßigkeiten sich aus dem konkreten Untersuchungsmaterial, das die Situation repräsentiert, herauslesen lassen. Wenn wir einerseits davon ausgehen, dass jede Erklärung darin besteht, Warum-Fragen zu beantworten, und andererseits anerkennen, dass sich die soziale Realität auf der Grundlage von sinnhaftem Handeln konstituiert, dann sind die Antworten auf die Warum-Fragen notwendig kontextgebunden. Sie sind abhängig von der detaillierten Beschreibung jener Bedeutungen, die die BewohnerInnen einer sozialen Welt ihrem Verhalten in konkreten Situationen geben (vgl. Geertz 1973, S. 34f.). In manchen Kontexten kommt das Wissen um diese Bedeutungen von den Handelnden in einer bewussten und diskursiven Form, in vielen sozialen Situationen aber nur in einer praktischen und stillschweigenden Form zur Anwendung. Gerechnet werden muss mit Kontexten, in denen die Handelnden sich selbst und andere über die Gründe ihres Tuns täuschen. Für alle diese Fälle gilt: Eine Erklärung wird dadurch geleistet, dass die in einer Situation relevanten Handlungsgründe auf der Grundlage von Beschreibungen rekonstruiert werden, die auf den konkreten Handlungskontext bezogen bleiben. Theoretisches Vorankommen besteht darin, tiefer in einen konkreten Fall einzutauchen und auf dieser Grundlage eine nachvollziehbare Verknüpfung zwischen Personen und Handlungen auf der einen Seite und Prozessen und Ereignisfolgen auf der anderen Seite herzustellen. Die beobachtbaren sozialen Aktivitäten und ihre beabsichtigten oder unbeabsichtigten Konsequenzen werden dabei nicht in isolierte Variable transformiert, um sie einem abstrakten Erklärungsmodell hinzuzufügen.

Lewin entwarf ein Forschungsdesign, das ihm geeignet schien, auf folgende dringliche Fragen konkrete Antworten geben zu können (vgl. Lewin 1946: 476f.):

  • Was ist der besondere Charakter der gegenwärtigen sozialen Situation?
  • Welche praktischen Schritte sind in dieser Situation sinnvoll und welche Wirkungen zeigen sie?
  • Wie sind im Hinblick auf eine Verbesserung der Wirkungen die praktischen Maßnahmen zu modifizieren?

Eine solche Forschung würde für PlanerInnen und PraktikerInnen eine Chance zu lernen bieten und sie könnte Grundlagen dafür legen, den nächsten Schritt zu planen und vielleicht darüber hinaus auch den Gesamtplan zu verbessern.

In der Methodologie der modernen qualitativen Sozialforschung gibt es zwei Forschungsdesigns, die für Aktionsforschung in dem Sinn, wie sie Lewin skizziert hat, produktiv angeeignet werden könnten: zum einen das Grundmodell der ethnografischen Feldforschung und zum anderen die Grounded Theory.

DER ETHNOGRAFISCHE FORSCHUNGSZIRKEL

Ein anerkanntes Prinzip der interpretativen Sozialforschung ist der Grundsatz der Offenheit. Dieser Grundsatz wird oftmals in der Weise missverstanden, dass damit vor allem auch die nicht-standardisierten Methoden der Datenerhebung gemeint seien. Tatsächlich bezieht sich das Prinzip auf den ganzen Forschungsprozess und meint eine bestimmte Art und Weise der Annäherung an die soziale Realität, die untersucht werden soll. Die theoretische Strukturierung des Gegenstandes durch die Forschenden selbst wird offen gehalten. Theoretische Modelle und Hypothesen werden nicht vorweg formuliert, sondern weitgehend auf Grundlage der subjektiven Wirklichkeit der handelnden Personen entwickelt. Der Forschungsprozess ist nicht als schrittweise lineare Abfolge von Datenerhebung und Datenanalyse, sondern als zirkulierender Prozess zwischen beiden Momenten organisiert. In diesem Prozess verdichtet sich das Verstehen dessen, was Sache ist, in einem mehrfachen Übergang von den erhobenen Daten, zu deren Analyse und zu einer neuerlichen Datenerhebung (vgl. Kannonier-Finster 1998). Im Rahmen der Terminologie der ethnographischen Feldforschung lässt sich der Forschungsprozess in ein Bild fassen (vgl. unten Graphik nach Spradley 1980, S. 29).

In diesem Design stellt sich der Forschungsprozess als kreisendes Fragen nach der Bedeutung dessen dar, was in den Daten Sache ist. Von Bedeutung ist dabei, dass der Forschungszirkel nicht nur einmal, sondern mehrmals durchschritten wird. Es findet ein wiederholtes Pendeln zwischen der Arbeitsweise des Erfahrungen-Machens und der Arbeitsweise der reflexiven Aufarbeitung dieser Erfahrungen statt. Dabei kommen immer wieder neue Methoden der Datenerhebung und der Datenanalyse zur Anwendung, damit der konkrete Fall in seiner ganzheitlichen Gestalt erfassbar wird.

Naturalistische Techniken der Anwesenheit im Feld ohne die gezielte Intention zur Sammlung von Informationen, Formen der qualitativen Befragung und Beobachtung und analytische Techniken, bei denen die im Feld gegebenen Denkmuster, Handlungsweisen und Sinnkonstruktionen mit den theoretischen Perspektiven der Forschenden gekreuzt werden, gehen ineinander über (vgl. Willis 1981, S. 236ff.). Erkennen und Verstehen vollzieht sich im Verlauf des Forschungsprozesses über den direkten Zusammenstoß von unterschiedlichen sozialen Welten und Weltperspektiven. Indem sich die Forschenden den Annahmen und Erfahrungen aussetzen, die das soziale Leben im Feld beherrschen, werden in der Regel die eigenen theoretischen Konzepte und Erfahrungen gestört und durcheinander gebracht. Aus allen diesen Konfliktpunkten entstehen Ahnungen und Vermutungen, mit denen dazu übergegangen werden kann, eine neue, übergreifende Konstruktion des Verstehens zu entwickeln. Diese Ahnungen sind noch nicht die fertige, begründete Erkenntnis. Sie sind aber der Keim dazu und müssen durch fortgesetzte Interpretation der Daten bestätigt und fundiert werden. Die Interpretation kann als zumindest vorläufig abgeschlossen betrachtet werden, wenn es gelungen ist, eine übergreifende Sicht der Dinge zu entwickeln, die die fremde Erfahrung im Rahmen der eigenen Begriffe und Bedeutungen verständlich macht.

Graphik: Der ethnographische Forschungszirkel

Ethnograf. Forschungszirkel

DIE GROUNDED THEORY

Die Grounded Theory versteht sich als qualitative Forschungsmethodologie, die vielfältige Methoden und Verfahren nutzt, um eine empirisch fundierte Theorie über ein Phänomen zu entwickeln (vgl. Strauss/Corbin 1996). Die Methodologie wurde in den 1960er Jahren von Barney Glaser und Anselm Strauss als Alternative zum vor allem in den USA dominanten mainstream einer strukturfunktionalistischen quantitativ orientierten Sozialforschung begründet. Grounded Theory ist grundsätzlich induktiv ausgerichtet und theoretisch an Konzepten des Symbolischen Interaktionismus und der Philosophie des Pragmatismus angelehnt. Mit diesen Theoriebezügen eignet sie sich für das Anliegen, konkrete Situationsanalysen in jeweils unterschiedlichen strukturellen Kontexten vorzunehmen. Die Methodologie der Grounded Theory ist eine handlungs- und interaktionsorientierte Methode der Theorieentwicklung. Sie geht in ihren paradigmatischen Modellen davon aus, dass unabhängig davon, ob Individuen, Gruppen oder Kollektive wie Organisationen untersucht werden, es immer Handlungen und Interaktionen gibt, die zentral mit dem Auftreten und der prozessualen Dynamik eines Phänomens verbunden sind. In der Analyse eines Phänomens stehen einerseits Handlungen, unterschiedliche Formen des Umgangs mit und der Bewältigung, und andererseits spezifische Konstellationen von Kontexten und Bedingungen im Zentrum.

Ähnlich wie der ethnografische Forschungsansatz kennt auch die Grounded Theory keine strenge Trennung zwischen Datenerhebung und Datenanalyse. Der Forschungsprozess ist als kontinuierliches Pendeln zwischen Datenerhebung und Datenanalyse konzipiert, ein Prozess, in dem die Forschenden ständig angehalten sind angemessene Fragen an unterschiedliche Daten zu stellen und dabei aus den Daten neue Einblicke zu dem untersuchten Phänomen zu entwickeln.

FORSCHENDE ALS TEIL DES FORSCHUNGSFELDES

Lewins Feldtheorie richtete sich nicht zuletzt auch gegen die szientistischen Annahmen der naturwissenschaftlichen Psychologie. Für ihn waren die Forschenden nicht externe, unbeteiligte BeobachterInnen des Geschehens, sondern mit ihren Erlebnisqualitäten ebenso TeilnehmerInnen des untersuchten Wirkungsfeldes wie die Beobachteten.

Im ethnografischen Forschungsdesign stellt die Fähigkeit der Forschenden zur Empathie ein zentrales Moment des Verstehens dar. Im sozialwissenschaftlichen Kontext bedeutet Empathie allerdings nicht in erster Linie ein Einfühlen, sondern viel mehr ein Eindenken in die Anderen und ihre sozialen Bedingungen und Lebensverhältnisse (vgl. Bourdieu 1997; Kannonier-Finster/Ziegler 2005). Als erkenntnisförderndes Potential entfaltet sich Empathie vor allem in der unmittelbaren, alltäglichen Konfrontation mit den Objekten, deren subjektive Perspektive auf die soziale Welt erfasst werden soll. Paul Willis, ein britischer Soziologe, der Feldforschungen in randständigen Kulturen durchgeführt hat, umreißt den Prozess des Verstehens als fließenden Übergang von empathischer, lebensnaher Erfahrung und theoretischer Reflexion so:

„Der Forscher kann zwar nie das erleben, was ein anderer erlebt – das ist die romantische Vorstellung von Empathie -, doch er kann spüren, wie seine eigene Erfahrung bis ins kleinste in die eines anderen greift: wie seiner Erfahrung widersprochen oder wie sie gestört wird. Die ‚Probleme‘ dieser Methode werfen immer wieder Fragen auf. Wenn der Forscher sich an bestimmten Punkten bedroht fühlt, was ist es, das ihn bedroht? Wenn der Forscher sich nicht fähig fühlt, bei bestimmten Gruppenaktivitäten mitzumachen, was hindert ihn daran? Wenn der Forscher das Gefühl hat, daß die Gruppe versucht, ihn seiner Forscherrolle zu entkleiden, was bedeutet das? Mit den Antworten auf diese Fragen beginnt die Konstruktion von übergreifenden Welten. Der Forscher kann die Momente seiner eigenen Notlage so ‚lesen‘, daß sie Markierungspunkte sind in dem unbeleuchteten Teil der Welten anderer“ (Willis 1981, S. 246f.).

Betrachten wir den Prozess des Verstehens im Rahmen der ethnographischen Feldforschung, so wird deutlich, dass diese Form der Erkenntnis von persönlichen Formen der Erfahrung auf der Seite der Forschenden nicht zu trennen sind. Die Forschenden sind in das Feld, das sie objektiv darzustellen versuchen, auch subjektiv involviert (vgl. Kohl 1993, S. 114). Sie sind aktiv Beobachtende, Instrument der Beobachtung und passiv Beobachtete in einem und sie sind in diesem Sinn Subjekt und Objekt zugleich. Damit ist der Prozess des Verstehens einer fremden Erfahrung immer auch mit einer selbstreflexiven Bewegung verbunden. Nicht nur das untersuchte Objekt ist der entscheidende Ort, an dem relevante Wahrnehmungen gemacht und Informationen gesammelt werden können. Auch an den Forschenden selbst zeigen sich Regungen und Erfahrungen, deren Wahrnehmung für die Forschungssituation von Bedeutung ist.

In den etablierten Methoden und Methodologien der modernen Sozialforschung wird der Selbsterfahrung der Forschenden im Untersuchungsfeld wenig Bedeutung für den Erkenntnisprozess zugeschrieben. In der Regel gehen diese Erfahrungen nicht als relevante Daten in die Untersuchung ein. Sie widersprechen der verbreiteten methodologischen Forderung, Subjekt und Objekt der Forschung strikt zu trennen. Im Design einer Aktionsforschung wird diese Trennung nicht aufrecht gehalten. Die Selbsterfahrung der Forschenden stellt sich als relevanter und produktiver Teil des Erkenntnisprozesses dar. Darüber, wie diese Erlebnisqualität der Forschungen systematisch in den Erkenntnisprozess zu integrieren ist, lässt sich im Design der gruppendynamisch orientierten Sozialforschung viel lernen.

LITERATUR

  • Bourdieu, Pierre (1997): Verstehen. In: Ders. u.a.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: 779-822.
  • Fitzek, Herbert (2011): Kurt Lewin und die Aktionsforschung – Die Selbstentdeckung des Forschers im Forschungsfeld. In: Gestalt Theory, Vol. 33: 163-174.
  • Geertz, Clifford (1973): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Ders.; 1987: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/M.: 7-43.
  • Kannonier-Finster, Waltraud (1998): Methodologische Aspekte soziologischer Fallstudien. In: Dies./ Meinrad Ziegler (Hrsg.): Exemplarische Erkenntnis. Zehn Beiträge zur interpretativen Erforschung sozialer Wirklichkeit. Innsbruck/ Wien: 35-64.
  • Kannonier-Finster, Waltraud / Nigsch, Otto / Ziegler, Meinrad (2000): Über die Verknüpfung von theoretischer und empirischer Arbeit in soziologischen Fallstudien. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Jg. 25, Heft 3: 3-25.
  • Kannonier-Finster, Waltraud / Ziegler, Meinrad (2005): Liebe, Fürsorge und Empathie im soziologischen Verstehen. In: Ingrid Bauer/ Christa Hämmerle/ Gabriella Hauch (Hrsg.): Liebe und Widerstand. Ambivalenzen historischer Geschlechterbeziehungen. L’Homme Schriften 10. Wien/ Köln/ Weimar: 50-68.
  • Kohl, Karl-Heinz (1993): Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung. München.
  • Lewin, Kurt (1946): Aktionsforschung und Minderheitenproblem. In: Gestalt Theory, Vol. 31 (2009): 473-486.
  • Spradley, James (1980): Participant Observation. Fort Worth.
  • Strauss, Anselm / Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim.
  • Willis, Paul (1981): „Profane Culture“. Rocker, Hippies: Subversive Stile. Frankfurt/M.
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